"Wir sind gekommen um zu bleiben. Gewöhnt euch daran!"

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12.05.2023

Peter Buri ist 35 Jahre alt und ein langjähriger Kunde von Ortho Medica sowie SP-Mitglied. Er lebt mit Muskeldystrophie Duchenne Typ 2. Seit Oktober 2022 ist Peter Buri Mitglied des Grossen Gemeinderates von Ostermundigen und hat ambitionierte Ziele in der Politik.

Er war einer der 44 Parlamentarier:innen, die an der ersten Behindertensession in Bern teilgenommen haben. Einen Nachmittag lang debattierten Menschen mit Behinderungen im Nationalratssaal des Bundeshauses über ihre Anliegen zur politischen Teilhabe. Sie diskutierten, welche Schritte nötig sind, um bestehende Barrieren für die politische Partizipation von Menschen mit Behinderungen abzubauen und verabschiedeten eine Resolution.

Es wurden 22 Prozent der Parlamentssitze eingenommen – dies entspricht gemäss Bundesamt für Statistik dem Anteil an Menschen mit Behinderung in der Schweizer Bevölkerung. Bei 200 Nationalratssitzen entspricht dies 44 Sitzen.

Peter Buri im Gespräch über sein politisches Engagement


Herr Buri, aus über 216 Kandidat:innen wurden Sie als einer von 44 Parlamentarier:innen an die erste Behindertensession in Bern gewählt. Wie kam es dazu?

Ich bin Behindertenrechtsaktivist, kommunikativ und ein politisch aktiver Mensch. Ich habe für meine Wahl bestimmt von meiner medialen Präsenz und dem grossen Supporternetzwerk profitiert. Ich habe auch intensiver Wahlkampf betrieben als andere Kandidat:innen und das hat mir erfreulicherweise ebenfalls geholfen. Alle meine Social-Media-Kanäle wurden dafür 3–4-mal bedient (facebook/linkedin/twitter/instagram). Ich bin immer noch stolz auf meine Nomination und das Vertrauen der Personen, die mir ihre Stimme gegeben haben.

Was hat Sie an der Behindertensession am meisten beeindruckt?

Der ganze Prozess, von der Vor- bis zur Nachbereitung. Ich habe mich sehr gefreut auf diesen Tag. So ging es vielen und diese positive Energie zu spüren war eine tolle Erfahrung. Am beeindruckendsten war, dass wir alle Geschäfte in diesem engen Zeitfenster durchgebracht und eine Resolution zuhanden von Nationalratspräsident Martin Candinas und Ständeratspräsidentin Brigitte Häberli-Koller verabschieden konnten.

Wie konnten Sie sich an diesem Nachmittag einbringen?

Eine vorbereitende Kommission hat einen ersten Entwurf der Resolution für unsere Arbeit erstellt, das war sehr wichtig und dafür bin ich dankbar. Die Parlamentarier:innen der West- und der Deutschschweiz haben je an einem Nachmittag in Gruppen daran weitergearbeitet. Einige, wie ich, haben auch zwischen der Gruppenarbeit und der Session noch Zeit investiert. Zu Ihrer Frage: Jedes gewählte Mitglied hatte die Möglichkeit, ein Redefenster von zwei Minuten in Anspruch zu nehmen.

Welches Anliegen in Bezug auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft liegt Ihnen besonders am Herzen?

Das ist eine ausgezeichnete, aber zugleich äusserst schwierige Frage. Denn alles greift ineinander und ist mit seinen Wechselwirkungen abhängig voneinander. Der schnellste Weg wäre über die politische Teilhabe mit einer direkten Selbstvertretung auf allen Ebenen vom Gemeindeparlament bis in den Bundesrat.

Wir müssen die Mitmenschen erreichen, denn die grösste Barriere ist immer noch in den Köpfen vieler und das liegt am Defizit-orientierten Mindset gegenüber Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft. Inklusion von Menschen mit Behinderungen wird fälschlicherweise oft als Kostenfaktor wahrgenommen. Wieso? Ich denke, weil wir zu wenig sichtbar sind!

Heime und Werkstätte sind ein Milliardenbusiness. Davon sollten wir wegkommen und endlich wie vom UNO-BRK Ausschuss gefordert eine Deinstitutionalisierungsstrategie vorantreiben, den 2. Arbeitsmarkt aufheben und unsere Potentiale endlich entfalten lassen. Hierbei würde die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Politik, der Staat, die Kultur und die Menschen mit Behinderungen profitieren.

"Wir sind gekommen, um zu bleiben!" - war eine der Aussagen, die gefallen ist: Wie geht es nach der ersten Session nun weiter?

Jetzt sind alle gefordert. Mit dieser Session sind wir aus dem Schatten getreten und haben unsere Standpunkte mit der Resolution selbstvertretend kundgetan. Die Menschen mit Behinderungen sind gefordert, sich weiter proaktiv einzubringen, sichtbar und laut zu bleiben, sowie weiter unsere Rechte einzufordern. Die Parteien, der Bund, die Kantone, die Gemeinden, die Gesellschaft, usw. müssen Strukturen schaffen, anpassen, überprüfen, auf uns zu kommen und uns ernst nehmen. Die Resolution muss Einfluss in die Gesetze, die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Politik und das Alltagsleben nehmen.

Mit der Inklusionsinitiative ist das nächste heisse Eisen im Feuer.

Was sind Ihre beruflichen (und privaten) Ziele?

Beruflich habe ich keine Ziele mehr. Ich habe es geschafft, im Mai 2019 aus dem 2. Arbeitsmarkt heraus eine eigene Firma zu gründen. Privat habe ich einen noch unerwünschten Wunsch für eine Partnerschaft. Politisch träume ich davon, einmal Grossrat in Bern oder Nationalrat zu sein und die Inklusion hautnah zu (er)leben.

Möchten Sie uns zum Schluss einen Ihrer Leitsätze mit auf den Weg geben?

Zur Behindertensession: Gewöhnt euch dran!
Zu mir: Dream Big, do big! – Lebe deine Träume und träume nicht das Leben.

Wir danken Peter Buri für das interessante Gespräch und seine Zeit. Sein politisches Engagement beeindruckt uns. Damit setzt er sich für einen Viertel der Schweizer Bevölkerung ein, die Angehörigen nicht mitgezählt. Ansonsten wäre der Anteil derer, denen er aus dem Herzen spricht, noch grösser.

Lieber Herr Buri, Ortho Medica wünscht Ihnen weiterhin viel Kraft, um Ihre Stimme im Namen aller Betroffenen zu erheben. Mögen Sie Ihre beruflichen und privaten Ziele erreichen.

In den folgenden Behindertenorganisationen ist Peter Buri sehr aktiv:

  • Vizepräsident bei Assistenzbüro ABü
  • Co-Präsident ZSL Bern – Zentrum Selbstbestimmtes Leben
  • Vorstandsmitglied Sozialpolitische Kommission Procap Bern
  • Mitglied und Revisor InVIEdual – Branchenverband von MmB die persönliche Assistenzpersonen anstellen
Tel. 041 360 25 44